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Schlagwort: Zukunftsforschung

Foresight: Bedeutung, Methoden und Nutzen einfach erklärt

Foresight begegnet einem heute in Stellenanzeigen, Strategiepapieren und Innovationsabteilungen. Doch was steckt hinter dem Begriff? Dieser Artikel erklärt die Bedeutung von Foresight, grenzt ihn von Prognose und Trendforschung ab und zeigt, mit welchen Methoden Organisationen vorausschauend arbeiten.

Das Wichtigste in Kürze

  • Foresight bedeutet wörtlich Weitsicht oder Vorausschau.
  • Als Fachbegriff steht es für die systematische Auseinandersetzung mit mehreren möglichen Zukünften.
  • Ziel ist nicht die richtige Vorhersage, sondern die bessere Entscheidung heute.
  • Zentrale Methoden: Horizon Scanning, STEEP-Analyse, Szenariotechnik, Delphi, Backcasting, Roadmapping.

Was bedeutet Foresight?

Foresight stammt aus dem Englischen und bedeutet wörtlich übersetzt Weitsicht, Voraussicht oder Vorausschau. Das Gegenstück ist hindsight, also die Rückschau im Nachhinein.

Im deutschsprachigen Raum wird der Begriff meist nicht übersetzt, weil er inzwischen als Fachbegriff etabliert ist. Gemeint ist dann kein persönliches Talent, sondern ein strukturiertes Vorgehen:

Kurzdefinition: Foresight ist die systematische Auseinandersetzung mit möglichen Zukünften, um daraus heute bessere Entscheidungen abzuleiten.

Entscheidend an dieser Definition sind zwei Punkte. Erstens der Plural: Foresight fragt nicht nach der Zukunft, sondern nach mehreren denkbaren Entwicklungen. Zweitens der Gegenwartsbezug. Ziel ist nicht, die Zukunft korrekt vorherzusagen, sondern die eigene Handlungsfähigkeit zu erhöhen.

Wortherkunft und Verbreitung

Das Wort setzt sich zusammen aus fore (voraus) und sight (Sicht) und ist im Englischen seit dem Mittelalter belegt. Als Fachbegriff verbreitete es sich ab den 1970er Jahren, als Japan begann, regelmäßig nationale Delphi-Studien zu Technologieentwicklungen durchzuführen. In den 1990er Jahren folgten staatliche Foresight-Programme in Großbritannien, Deutschland und auf EU-Ebene. Seither hat sich der Ansatz von der Technologiepolitik in Unternehmen, NGOs und Verwaltungen ausgebreitet.

Zwei Bedeutungsebenen

Je nach Kontext meint Foresight etwas anderes:

  • Alltagssprachlich beschreibt Foresight eine Eigenschaft von Menschen. Wer Foresight besitzt, denkt voraus, erkennt Konsequenzen früh und trifft entsprechend Vorkehrungen.
  • Fachlich bezeichnet Foresight eine Disziplin mit eigenen Methoden, Rollen und Prozessen. Sie ist Teil der Zukunftsforschung und wird je nach Anwendungsfeld näher bestimmt: Strategic Foresight, Corporate Foresight, Technology Foresight oder Policy Foresight.

Foresight, Prognose und Trendforschung im Vergleich

Die Begriffe werden häufig vermischt, meinen aber Unterschiedliches.

AnsatzLeitfrageZeithorizontErgebnis
Prognose / ForecastingWas wird am wahrscheinlichsten eintreten?kurz- bis mittelfristigeine Zahl, ein Wert, ein Korridor
TrendforschungWelche Entwicklungen sind bereits sichtbar?laufendbeschriebene Trends und Muster
ForesightWas könnte alles eintreten und was bedeutet das für uns?mittel- bis langfristigmehrere Zukunftsbilder plus Handlungsoptionen
VisionWelche Zukunft wollen wir erreichen?langfristigein angestrebtes Zielbild
Foresight im Vergleich zu Forecasting, Trendforschung und Vision.

Eine Absatzprognose für das kommende Quartal ist Forecasting. Die Frage, wie das eigene Geschäftsmodell in zehn Jahren unter vier sehr unterschiedlichen Rahmenbedingungen aussehen müsste, ist Foresight.

Strategic Foresight und Corporate Foresight

Strategic Foresight verbindet Zukunftsarbeit direkt mit der Strategieentwicklung. Die Erkenntnisse fließen in Portfolioentscheidungen, Investitionen und Risikomanagement ein, statt in einer Studie zu enden.

Corporate Foresight bezeichnet die dauerhafte Verankerung dieser Arbeit im Unternehmen, etwa durch ein eigenes Team, ein Trendradar oder feste Formate im Führungskreis.

Studien zur Zukunftsfähigkeit von Unternehmen zeigen ein wiederkehrendes Muster: Organisationen, die Umfeldveränderungen früh erfassen und intern anschlussfähig aufbereiten, reagieren schneller auf Marktbrüche als Wettbewerber ohne solche Strukturen.

Warum Foresight an Bedeutung gewinnt

Mehrere Entwicklungen erhöhen den Bedarf an vorausschauendem Arbeiten:

  • Kürzere Innovationszyklen, besonders durch Künstliche Intelligenz und Automatisierung
  • Regulatorische Dynamik, etwa bei Nachhaltigkeit, Lieferketten und Datenschutz
  • Geopolitische Unsicherheit mit direkten Folgen für Beschaffung und Absatzmärkte
  • Demografischer Wandel und veränderte Erwartungen an Arbeit
  • Klimawandel mit physischen und transitorischen Risiken

In solchen Umfeldern verliert die Fortschreibung der Vergangenheit an Aussagekraft. Genau dort setzt Foresight an.

Die wichtigsten Foresight-Methoden

Horizon Scanning

Systematisches Beobachten von Signalen aus Wissenschaft, Politik, Technologie und Gesellschaft. Ziel ist es, schwache Signale zu erfassen, bevor sie zum Trend werden.

STEEP-Analyse

Strukturierung des Umfelds nach den Dimensionen Society, Technology, Economy, Ecology und Politics. Sie verhindert, dass die Analyse auf die eigene Branche verengt wird.

Szenariotechnik

Die bekannteste Foresight-Methode. Aus den zentralen Unsicherheiten werden meist drei bis vier in sich stimmige Zukunftsbilder entwickelt, die anschließend gegen die eigene Strategie getestet werden.

Delphi-Befragung

Mehrstufige, anonyme Expertenbefragung. Nach jeder Runde erhalten die Teilnehmenden die aggregierten Ergebnisse und können ihre Einschätzung überdenken.

Wild Cards und Schwarze Schwäne

Ereignisse mit geringer Eintrittswahrscheinlichkeit und großer Wirkung. Sie werden bewusst durchgespielt, um blinde Flecken sichtbar zu machen.

Backcasting

Der Weg führt vom Zielbild rückwärts in die Gegenwart. Die Frage lautet: Was müsste bis wann geschehen sein, damit dieser Zustand eintritt?

Roadmapping

Übersetzt Zukunftsbilder in konkrete Meilensteine für Technologie, Produkt und Kompetenzaufbau.

Wie ein Foresight-Prozess abläuft

  1. Rahmen setzen. Entscheidungsfrage, Zeithorizont und Betrachtungsfeld festlegen.
  2. Scannen. Signale, Daten und Expertenwissen sammeln.
  3. Analysieren. Treiber und Unsicherheiten identifizieren und bewerten.
  4. Zukünfte entwerfen. Szenarien oder Zukunftsbilder ausarbeiten.
  5. Ableiten. Strategische Optionen, Frühindikatoren und nächste Schritte definieren.

Der fünfte Schritt entscheidet über den Nutzen. Ohne Anbindung an reale Entscheidungen bleibt Foresight ein Workshop-Erlebnis.

Typische Fehler

  • Foresight als Vorhersage missverstehen und am Ende nur ein Szenario weiterverfolgen
  • Zu kurzer Zeithorizont, der die Analyse auf bestehende Planungen zusammenschrumpfen lässt
  • Ausschließlich interne Perspektiven einbeziehen
  • Ergebnisse dokumentieren, aber keine Verantwortlichkeiten und Frühindikatoren festlegen
  • Den Prozess einmalig durchführen statt regelmäßig zu aktualisieren

Häufige Fragen zur Bedeutung von Foresight

Was bedeutet Foresight auf Deutsch?

Foresight bedeutet Weitsicht, Voraussicht oder Vorausschau. Als Fachbegriff steht es für die systematische Beschäftigung mit möglichen Zukünften.

Was ist der Unterschied zwischen Foresight und Forecasting?

Forecasting berechnet die wahrscheinlichste Entwicklung einer Größe. Foresight arbeitet mit mehreren möglichen Zukünften und fragt nach den Konsequenzen für das eigene Handeln.

Ist Foresight dasselbe wie Zukunftsforschung?

Zukunftsforschung ist der übergeordnete Begriff für die wissenschaftliche Beschäftigung mit Zukunft. Foresight bezeichnet die anwendungsorientierte Praxis innerhalb dieses Feldes.

Was macht ein Foresight Manager?

Er beobachtet das Unternehmensumfeld, moderiert Szenario- und Strategieprozesse, pflegt Trendradare und übersetzt Erkenntnisse in Empfehlungen für die Führungsebene.

Für welche Organisationen lohnt sich Foresight?

Für alle mit langen Investitionszyklen, hoher Regulierungsdichte oder schnellem technologischem Wandel. Kleinere Organisationen können bereits mit einem schlanken Trendradar und einem jährlichen Szenario-Workshop starten.

Fazit

Die Bedeutung von Foresight lässt sich auf eine Formel bringen: nicht die Zukunft vorhersagen, sondern auf mehrere Zukünfte vorbereitet sein. Wer Umfeldsignale strukturiert erfasst, in Szenarien übersetzt und daraus überprüfbare Handlungsoptionen ableitet, verschafft sich Reaktionszeit. Genau darin liegt der praktische Wert dieser Disziplin.

Warum Szenariendenken essenziell ist – Carina Stöttner in Konstanz

Eine Methode aus den 1970er-Jahren erlebt gerade ihr Comeback. Carina Stöttner, CEO der Futurewise Company, erklärt, warum das kein Zufall ist – und was Szenarioarbeit wirklich verändert.

Die meisten Unternehmen planen mit genau einer Zukunft: der fortgeschriebenen Gegenwart. Umsatz plus X Prozent, Kosten minus Y, Marktanteil bleibt stabil. In dieser Logik steckt eine stille Annahme – dass das Morgen ein leicht verändertes Heute sein wird.

In stabilen Zeiten funktioniert das erstaunlich gut, sagt Carina Stöttner. In komplexen Zeiten wird es zum Risiko.

Genau hier setzt Szenariodenken an. Und die wichtigste Klarstellung kommt gleich zu Beginn: Szenarien sind keine Prognosen. Es geht nicht darum, richtig zu liegen. Es geht darum, auf mehrere Möglichkeiten vorbereitet zu sein.

Was Shell in den 70er-Jahren gelernt hat

Die vielleicht bekannteste Geschichte der Szenarioplanung beginnt Ende der 1960er-Jahre in der Planungsabteilung von Royal Dutch Shell. Ein paar Pioniere bekamen den Auftrag, sich mit einer damals wenig populären Möglichkeit zu beschäftigen: dass der Ölpreis steigen könnte.

Niemand bei Shell hat die Ölkrise in ihrer Schwere von 1973 vorhergesagt. Das ist, so Stöttner, der entscheidende Punkt.

Aber als sie eintrat, war sie für die Führungskräfte kein völlig unbekanntes Terrain. Sie hatten diese Welt gedanklich schon einmal betreten. Sie mussten nicht erst monatelang fassungslos sein, bevor sie handlungsfähig wurden. Während andere noch damit beschäftigt waren, das Geschehene überhaupt einzuordnen, traf Shell bereits Entscheidungen – und ging aus der Krise deutlich stärker hervor, als es hineingegangen war.

Für Carina Stöttner ist das bis heute die wichtigste Lektion der ganzen Methode:

Szenarien verändern nicht die Welt. Sie verändern die Landkarte, die Entscheider:innen im Kopf tragen.

Das eigentliche Produkt von Szenarioarbeit ist nicht das Dokument, das am Ende im Regal steht. Es ist das veränderte Denken der Menschen, die damit gearbeitet haben. Deshalb funktioniert es auch nicht, sich Szenarien einfach von außen einkaufen und präsentieren zu lassen. Wer nicht selbst durch den Prozess gegangen ist, findet den Weg nicht.

Warum unser Gehirn ein schlechter Zukunftsforscher ist

Wenn Szenarioarbeit so wirksam ist – warum tun wir uns dann so schwer damit?

Die Antwort liegt zu einem guten Teil in unserem Kopf. Unser Gehirn ist nicht darauf optimiert, über offene Zukünfte nachzudenken, erklärt Stöttner. Es ist darauf optimiert, schnell und energiesparend zu Entscheidungen zu kommen. Drei Verzerrungen stehen dabei besonders regelmäßig im Weg:

Wir denken Entwicklungen als Geraden. Exponentielles Wachstum, Kipppunkte und Sättigungskurven unterschätzen wir systematisch – erst zu lange zu wenig, dann zu spät zu viel.

Wir halten an der Normalität fest. Wenn eine Situation sich verändert, bleiben wir oft erstaunlich lange bei der Annahme, es werde schon alles beim Alten bleiben. Das ist keine Dummheit, sondern der Normalfall menschlicher Wahrnehmung unter Unsicherheit.

Der Negativitätsbias. Negative Erfahrungen wiegen schwerer als positive. Was wir kürzlich gelesen haben, was emotional aufgeladen ist, was in der eigenen Branche gerade alle diskutieren – das prägt unser Zukunftsbild stärker, als uns lieb ist.

Diese Verzerrungen sind keine Denkfehler im Sinne eines Defekts. Sie waren evolutionär sinnvoll: schnelle Urteile in einer weitgehend stabilen Umwelt. In einer komplexen Umwelt werden sie zur Schwachstelle. Und – auch das gehört zur unbequemen Wahrheit – man bekommt sie nicht dadurch weg, dass man sie kennt. Sondern nur durch Methode: durch einen Prozess, der einen zwingt, mehrere Zukünfte gleichzeitig ernst zu nehmen.

Was Szenarien konkret verändern

Was Organisationen aus guter Szenarioarbeit mitnehmen, ist selten ein fertiger Plan. Es ist eher dies:

Sprachfähigkeit. Teams bekommen Begriffe für Entwicklungen, die noch nicht sichtbar sind. Man kann nur besprechen, wofür man Worte hat.

Frühindikatoren. Wer die Szenarien kennt, weiß, worauf zu achten ist – und erkennt Bewegungen früher als der Wettbewerb.

Robuste Entscheidungen. Welche Schritte zahlen sich in allen Zukünften aus? Diese No-Regret-Moves sind oft das wertvollste Ergebnis des gesamten Prozesses.

Entkopplung von Wahrscheinlichkeit und Relevanz. Ein Ereignis kann unwahrscheinlich und trotzdem existenziell sein. Wer nur nach Eintrittswahrscheinlichkeit priorisiert, sortiert genau diese Fälle aus.

Erlaubnis zum Widerspruch. Szenarien machen es sozial zulässig, im Meeting eine abweichende Zukunft auszusprechen, ohne als Pessimist:in oder Spinner:in zu gelten. Unterschätzt – und vielleicht der größte Kulturhebel von allen.

Resilienz beginnt mit der zweiten Zukunft

Vorgetragen hat Carina Stöttner diesen Impuls beim Friends & Family Day des IST in Konstanz am Bodensee. Am 9. und 10. Juli hatte das Institut zu zwei Tagen mit Unternehmer:innen, Alumni, Projektpartner:innen und langjährigen Wegbegleiter:innen geladen. Den Auftakt bildete ein Get-Together in der IHK Hochrhein-Bodensee, gestaltet von Lucas Sauberschwarz, Sebastian Strohmaier, Lukas Dieterle und Carina Stöttner. Das gemeinsame Thema: Resilienz in der Zukunft.

Nach den Impulsen ging es aufs Wasser: eine Rundfahrt über den Bodensee, gute Gespräche, ein entspanntes Anstoßen in einer Kulisse, die man sich kaum besser ausdenken könnte. Am Freitag klang der Friends & Family Day im Institut aus.

Was von diesen Tagen bleibt, ist für Stöttner vor allem eine Beobachtung: Die Bereitschaft, gemeinsam über unbequeme Zukünfte nachzudenken, ist da – und sie wächst. Genau diese Bereitschaft ist der Anfang von Resilienz. Nicht die Fähigkeit, die Zukunft vorherzusagen, sondern die Fähigkeit, auf mehr als eine vorbereitet zu sein.

Ein herzlicher Dank geht an das IST-Team für Einladung und Gastfreundschaft – und an alle, die mitgedacht, mitdiskutiert und mitgefeiert haben.

Carina Stöttner beim LEON Kongress Hessen: im Gespräch mit Hessens stellv. Ministerpräsident, Generälen und CEOs

Bild: Jana Kay. Von links: Brigadegeneral Holger Radmann, Prof. Dr.-Ing. Guido H. Baltes (Moderation), Christoph Bernius (Bereichsvorstand Cyber Risk, Commerzbank AG), Kaweh Mansoori (Wirtschaftsminister), Carina Stöttner (CEO Futurewise Company), Alexander Laukenmann (Senior Executive VP Fraport), Peter R. Manolopoulos (CEO Schunk Group).

Ein Rückblick auf die Abschluss-Keynote von Zukunftsforscherin Carina Stöttner beim LEON 2026 – und was sie über die Zukunft industrieller Arbeit, Resilienz und die Risiken eines übersteuerten Protektionismus zu sagen hatte.

Es ist schon nach 17 Uhr im Casals Forum in Kronberg. Ein langer Kongresstag liegt hinter den rund hundert Entscheiderinnen und Entscheidern aus Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Bundeswehr. Die großen Linien des Tages – Resilienz, Sicherheit, Transformationsfinanzierung, der Mittelstand als Stabilitätsanker – sind gezogen. Anmoderiert von Prof. Dr.-Ing. Guido H. Baltes betritt Carina Stöttner die Bühne und stellt die Frage: wohin könnte die deutsche Industrie und Wirtschaft sich in Zukunft entwickeln?

Stöttner ist Zukunftsforscherin – kein Prognostikerin, die Charts in die nächsten zehn Jahre verlängert, sondern jemand, die mit Unternehmen, Ministerien und Bildungsträgern daran arbeitet, gewünschte Zukünfte konkret zu machen. Ihre Abschluss-Keynote „Die Zukunft der industriellen Arbeit“ war kein Schlusspunkt, sondern ein Startsignal: für eine Debatte, die in Deutschland zu lange technokratisch geführt wurde – und jetzt eine Richtung braucht.

Resilienz ist nicht Verteidigung – sondern die Fähigkeit, Zukunft zu bauen

Den ganzen Tag über war Resilienz das Leitmotiv des LEON 2026 gewesen. Wirtschaftsminister Kaweh Mansoori hatte sie zur „entscheidenden Voraussetzung für Wettbewerbsfähigkeit“ erklärt. Stöttner griff den Begriff auf – und drehte ihn.

Resilienz, so der Tenor ihrer Keynote, ist nicht der Versuch, einen Status quo gegen eine unsichere Welt zu verteidigen. Resilienz ist die Fähigkeit, trotz – und mithilfe – disruptiver Veränderungen handlungsfähig zu bleiben und wünschenswerte Zukünfte zu gestalten. Wer Resilienz nur als Schutzschild begreift, baut Bunker. Wer sie als Gestaltungsfähigkeit versteht, baut Plattformen.

Damit war der Rahmen gesetzt für die zwei großen Themenstränge der Keynote: Deeptech und radikale Innovation auf der einen Seite, Bildung und Arbeit der Zukunft auf der anderen.

Deeptech und radikale Innovation: Deutschlands eigentliche Standortfrage

Deutschland hat ein Innovations-Paradox. Forschungsstark, patentstark, mittelstandsstark – und trotzdem in vielen Schlüsseltechnologien hinter den USA und China. Stöttner lieferte dafür eine Diagnose, die im Saal saß: Wir haben Inkremental-Innovation perfektioniert, radikale Innovation aber strukturell entwöhnt.

Deeptech – also Technologien mit hohem wissenschaftlichem Risiko und langem Entwicklungshorizont, von Quantencomputing über synthetische Biologie bis zu neuen Energie- und Materialsystemen – braucht andere Voraussetzungen als die optimierende Innovation, in der deutsche Industrie groß geworden ist:

  • Längere Kapitalhorizonte als der typische deutsche Finanzierungsmix sie heute bietet
  • Höhere Toleranz für Scheitern, sowohl in Unternehmen als auch in der öffentlichen Förderlogik
  • Engere Verzahnung von Spitzenforschung und industrieller Skalierung, sowie internationale Kooperation
  • Talent, das interdisziplinär denkt und zwischen Labor, Code und Werkshalle wechseln kann

Die Trade-offs des Protektionismus: Wenn Resilienz zum Käfig wird

Den vielleicht heikelsten Teil ihrer Keynote widmete Stöttner einer Frage, die im aktuellen industriepolitischen Diskurs oft umschifft wird: Was passiert, wenn Protektionismus zu drastisch wird?

Resilienz und Souveränität sind legitime, sogar zwingende Ziele. Aber sie haben eine Schattenseite, die in ehrlicher Industriepolitik benannt werden muss:

  • Innovationsverlust durch Abschottung. Wer kritische Vorprodukte rein national reorganisiert, zahlt nicht nur höhere Stückkosten, sondern verliert den Wettbewerbsdruck und Wissensaustausch, der Innovation antreibt. Geschlossene Systeme altern schneller als offene.
  • Strategische Kosten der Subventionsspirale. Jede Industrie, die per Subvention im Land gehalten wird, bindet Mittel, die anderswo fehlen. Wo in die Produktion effizienter Commodities investiert wird, reichen die Kapazitäten nicht mehr für neue Hochtechnologien aus. Industriepolitik ist immer auch eine Allokationsentscheidung gegen alternative Zukünfte.
  • Reziprozitätsrisiken. Schutzmaßnahmen provozieren Schutzmaßnahmen. Eine Exportnation wie Deutschland verliert in einer eskalierenden Protektionismus-Spirale strukturell mehr – in sozialem Wohlstand und in Wachstum.
  • Demokratische Erosion. Wenn „strategische Industrien“ zur Dauerkategorie werden, wachsen Verflechtungen zwischen Staat und Konzernen, die langfristig Wettbewerb und Erneuerung schwächen.

Stöttners Plädoyer war kein naiver Freihandelsruf, sondern ein Plädoyer für Maß: Resilienz dort, wo sie sicherheitsrelevant und nicht anders erreichbar ist – und Offenheit überall sonst, weil Offenheit die eigentliche Quelle von Innovation und Wohlstand bleibt. Die wünschenswerte Zukunft liegt nicht in maximaler Autarkie, sondern in kluger, partnerschaftlicher Souveränität.

Was bleibt: Drei Imperative für die nächste Dekade

Aus Stöttners Keynote lassen sich drei Imperative destillieren, die für jeden Industrie- und Wirtschaftsstandort gelten – und für Hessen besonders:

  1. Auf Deeptech und radikale Innovation setzen. Inkrementelle Verbesserung ist eine Pflichtübung, kein Standortvorteil mehr. Die Kür heißt: Technologien mit zehn-, fünfzehnjährigem Horizont jetzt finanzieren, organisieren, skalieren.
  2. Bildung und Arbeit vom Lebenslauf her denken. Nicht Curricula, sondern Lernarchitekturen. Nicht Qualifizierung als Projekt, sondern Lernen als Infrastruktur.
  3. Resilienz und Offenheit balancieren. Souveränität dort, wo sie unverzichtbar ist. Offenheit überall sonst – als Quelle von Innovation, Talent und wirtschaftlicher Stärke.

Über den Kongress: LEON 2026 in Kronberg, Hessen

Am 6. Mai 2026 kamen im Casals Forum Wiesbaden Vertreterinnen und Vertreter aus Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Sicherheitsinstitutionen zum neuen hessischen Wirtschafts- und Industriekongress LEON zusammen. Das Leitmotiv: Resilienz als entscheidende Standortfrage des 21. Jahrhunderts.

Drei Klammern hielten den Tag zusammen:

  • Resilienz wird zur Standortfrage für Wettbewerbsfähigkeit – angesichts fragiler Lieferketten, geopolitischer Spannungen und steigender Energie- und Sicherheitsanforderungen.
  • Industrie, Innovation und Sicherheit lassen sich nicht länger getrennt denken. Schlüsseltechnologien wie KI oder neue Materialien haben zivile und sicherheitsrelevante Anwendungen.
  • Vom Erkenntnis- zum Umsetzungsproblem. „Wir haben kein Erkenntnisproblem, sondern eine Umsetzungsaufgabe“, formulierte Wirtschaftsminister Kaweh Mansoori in seiner Eröffnung.

Die Keynotes und Impulse im Überblick

  • Kaweh Mansoori, Hessischer Wirtschaftsminister – Eröffnung
  • Prof. Marcel Fratzscher (DIW Berlin) – Keynote: „Nach uns die Zukunft. Ein neuer Generationenvertrag für Freiheit, Sicherheit und Chancen“
  • Peter R. Manolopoulos (CEO Schunk Group) – „Was uns stark macht: Resilienz im industriellen Mittelstand“
  • Hans-Dieter Kemler (Vorstand Helaba) – „Transformationsfinanzierung in Deutschland – Hessen geht voran“
  • Alexander Laukenmann (Senior Executive VP Fraport) sprang für Dr. Pierre Dominique Prümm ein (Vorstand Aviation, Fraport AG) – „Resilienz neu denken: Wie Luftfahrt in turbulenten Zeiten Zukunft gestaltet“
  • Christoph Bernius (Bereichsvorstand Cyber Risk, Commerzbank AG) – „Cyberresilienz: Europas Weg zu Sicherheit und wirtschaftlicher Stärke“
  • Dr. Kai Beckmann (CEO Merck KGaA) – Videobotschaft zur Zukunft von Merck
  • Defence Panel mit Generalmajor Wolf-Jürgen Stahl (Präsident BAKS), Thomas Mailänder (EDAG), Daniel Zittel (Daimler Truck), Prof. Dr. Andreas Glas (UniBw München), Dr. Hans Christoph Atzpodien (BDSV) und Brigadegeneral Holger Radmann (Landeskommando Hessen): „Warum wir starke Kooperationen zwischen Bundeswehr, Wirtschaft und Innovation brauchen“
  • Nathalia Schomerus (Legal Innovation Lead, Legora) – „Sicherheit und Resilienz der deutschen Industrie in Bezug auf Cybersicherheit“
  • Hessens industrielle Hoffnungsträger – Präsentation von sechs herausragenden hessischen Unternehmen: JUMO, Energiesysteme Groß, Vacuumschmelze, Ponticon, Stephan Schmidt KG und Alexander Binzel Schweisstechnik / Abicor Group
  • Carina Stöttner, Zukunftsforscherin – Abschluss-Keynote: „Die Zukunft der industriellen Arbeit“

Ergänzt wurde das Bühnenprogramm durch 13 Breakout Sessions zu Themen wie Bürokratieabbau, Cybersicherheit, nachhaltige Industrie, Transformationsfinanzierung und sicherheitspolitische Kooperation – sowie ein poetisch-musikalischer Wrap-up zum Abschluss.

Der LEON ist als langfristige Plattform angelegt. Er versteht sich, in den Worten Mansooris, als Auftakt eines Dialogs, der die nächsten Jahre prägen soll: „Die Zukunft des Innovations- und Industriestandorts Hessen entscheidet sich jetzt.“

Was ist ein Treiber? Was ist ein Trend?

Definition Treiber

Treiber sind die Ursachen eines Trends. Sie beschreiben fundamentale Kräfte, die Veränderung auslösen oder beschleunigen. Ein Treiber ist eine zugrunde liegende Dynamik, die Wandel ermöglicht, erzwingt oder strukturiert.

Typische Eigenschaften:

  • wirken oft langfristig
  • sind häufig strukturell oder systemisch
  • nicht immer direkt sichtbar
  • lassen sich meist STEEP-Kategorien zuordnen

Beispiele

  • Demografischer Wandel
  • Technologischer Fortschritt (z. B. KI, Automatisierung)
  • Klimawandel
  • Geopolitische Machtverschiebungen
  • Wertewandel (z. B. Sicherheit vs. Freiheit)

 Treiber beantworten die Frage: „Warum verändert sich etwas?“

Definition Trends

Trends sind die sichtbaren Ausprägungen von Veränderung.
Sie beschreiben konkrete, über einen gewissen Zeitraum stabile Entwicklungen, die aus einem oder mehreren Treibern hervorgehen.
Ein Trend ist ein beobachtbares Muster in Verhalten, Märkten, Technologien oder gesellschaftlichen Praktiken.

Typische Eigenschaften:

  • sind sichtbar und konkret beschreibbar
  • entwickeln sich über einen begrenzten Zeitraum (können an Dynamik gewinnen oder verlieren)
  • lassen sich durch Beispiele, Daten oder Narrative illustrieren
  • entstehen meist aus dem Zusammenspiel mehrerer Treiber

Beispiele

  • Remote- und Hybridarbeit
  • Elektromobilität
  • Personalisierte Medizin
  • Kreislaufwirtschaft
  • Subscription-Modelle statt Besitz

Trends beantworten die Frage: „Wie äußert sich Veränderung konkret?“